29.7.16

Aus blauem Himmel - 9.Pilgertag

Auf dem Sächsischen Jakobsweg
von Zwickau nach Lengenfeld, 26km



"Schlag einfach die Tür zu, wenn du gehst!" Barbara hat ein geblümtes Kleid an, steht schon im Flur und winkt. Dann kracht die Tür ins Schloss und sie ist weg. Es ist Freitag und es ist Sommer. Ich sitze allein in einer Küche einer Wohnung mitten in Zwickau an der Fernverkehrsstraße 273 und lese in der liegen gebliebenen Zeitung im Sportteil. Das Ticken der Wanduhr ist das einzige Geräusch. Ich esse zwei überreife Pfirsiche und trockenes Brot, mehr ist im Augenblick nicht da, lege das vereinbarte Geld und etwas mehr auf den Tisch, packe meine Sachen zusammen und schwinge meinen Rucksack auf die Schultern. Im Treppenhaus riecht es nach Keller. Ich gehe ich die knarrende Holztreppe hinunter und stoße die schwere Haustür mit der Schulter auf. "Da bist du ja wieder!" Die Straße brüllt mir entgegen, als wolle sie fragen: "Wo warst du denn die ganze Zeit?"

Dem Sächsischen Jakobsweg gesellt sich nun bis Hof der "Via Imperii" hinzu. Dieser Jakobsweg entlang einer alten Reichs- und Handelsstraße führt von Stettin (Szczecin) über Berlin und Wittenberg nach Leipzig und Zwickau und schließlich über Reichenbach und Plauen nach Hof. Auf der Via Imperii waren im Mittelalter Pilger auf ihrem Weg nach Jerusalem, Rom oder Santiago unterwegs.


Zwickau

Ab Waldkirchen, kurz vor Lengenfeld rauschen die Felder in alter Weise und es ist still. Ich treffe eigentlich so gut wie keinen anderen Pilger. So voll es vor Santiago de Compostela sein soll, so leer ist es hier. Wo sind die denn alle? Vor mir? Hinter mir? Schon in Spanien? 

Vielleicht gibt es gar keine Menschen mehr und ich bin der einzige, der letzte Mohikaner, übergeblieben, allein gelassen und vergessen. Ich pfeife und singe, krame alte Lieder hervor. Und laufe übermütig schnell die Schotterstraße hinunter. "Ist hier jemand?" Und immer schneller laufe ich, wie entfesselt, so schnell, bis ich nicht mehr kann und der Rucksack hüpft verwundert auf den Schultern umher. 

Dann stoße ich einen Schrei aus, so laut, so unendlich, wie ihn Ian Gillan auf der 1972 erschienenen  "Made in Japan" ausgestoßen hat. Ein Jahrhundertschrei, ich habe ihn wohl tausend mal gehört und nie erreicht diesen existenziellen Schrei von Ian Gillan in dem Song "Child in Time". Jetzt kurz vor Lengenfeld ist es mir gelungen, das hohe C und als würde der Himmel seinen Seegen geben fängt es, nur für Minuten, aus blauem Himmel an zu Regnen.

Lengenfeld, Sachsen, Deutschland

Hirschfeld, Sachsen, Deutschland

Finkenburg, Sachsen, Deutschland

Lengenfeld, Sachsen, Deutschland



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